Eigenes Werk Dry And Dusty

Dieses Thema im Forum "Literaturforum" wurde erstellt von Asteria, 3. Mai 2016.

  1. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Huhu,

    Ich habe ein paar mal überlegt, ob ich dieses Thema öffnen möchte, mich dann spontan letzte Nacht dazu entschlossen es einfach mal zu machen.
    Es handelt sich dabei nicht um Kurzgeschichten, jedenfalls nicht bei meinem ersten Beitrag, mal sehen was dazu noch kommt.
    Wenn es in Ordnung ist, mich hier auszulassen, möchte ich nur ein paar Gedanken niederschreiben und mal gucken, ob der eine oder andere dazu kommt, sich meinen wilden Gedankengulasch durchzukauen ;) .. Ich hoffe es gefällt jemandem, ansonsten hat es sich auch schon allein für mich gelohnt, den Gedanken freien Lauf zu lassen.

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    Sie hatte diesen Blick.
    Immer sagten sie ihr, dass sie diesen Blick hatte. Der Blick, an dem man sofort erkannte, dass sie in Gedanken war und nicht wirklich zuhörte, sondern immer nur wegsah – oder viel mehr hindurch sah. Woran sie gerade dachte, das war alles, was man immer von ihr wissen wollte, wenn sie so durch jeden hindurch sah, durch Menschen, durch Wände, durch Wolken, durch alles. Was ziemlich häufig gewesen sein musste, im Nachhinein betrachtet.
    Sie liebte es, wenn es regnete und Musik erklangt, die ihr diese angenehm-düstere Melancholie bescherte, die sie so sehr mochte, obwohl sie nicht immer dazu beitrug, dass es ihr besser ging. Bei dieser Melancholie handelte es sich vielmehr um einen Spiegel, einen Spiegel, der ihr ihre Emotionen vorhielt. „Hier, das hier ist es. So schlecht, so furchtbar elend fühlst du dich gerade“. Und trotzdem bereicherte es das Mädchen. Sie lächelte manchmal, wenn sie spürte.
    Der Spiegel, der ihr vorgehalten wurde, er zeigte ihr, dass sie trotz allem noch lebte. Jetzt gerade, jetzt atmete sie und allein das war für sie ein Zeichen für ihre noch vorhandene Stärke. Auch heute noch, wenn sie dann wieder unglaublich, kaum zu verkraften traurig ist, hält sie sich diesen Spiegel vor. Solange sie spüren konnte und ihr zumindest ein paar Dinge im Leben noch wichtig waren, so konnte sie sich sicher sein, dass sie weiter existieren sollte.
    Es kamen dann schließlich Tage, an denen sie es immer öfter in Frage stellte – also, ob sie existieren sollte. Dieses Gefühl, keine Macht mehr über das eigene Leben zu haben, es nahm Überhand. Auf jedem Weg ihres Lebens lauerte jemand, der ihr aufzeigte:
    „Du bist nichts wert, außer das, was du leisten kannst. Du hast alles Schlechte verdient, was man dir tut. Wenn du Schwäche zeigst, werden wir sie gegen dich verwenden. Nimmst du Rast, drohst du zurück zu liegen, du wirst vergessen und allein gelassen.“
    Wenn es niemand anderes war, der ihr jenes sagte – was ebenfalls recht oft geschah -, dann sagte es ihr eine Stimme in ihrem Inneren, tief eingebrannt, nicht zu ignorieren. Wenn man sich aus sich selbst nicht mehr viel machte, bekam man leicht den Eindruck, dass sich auch sonst niemand viel aus einem machte. So erging es ihr.
    Es gab bald niemanden mehr, der wichtig für sie war. Oder, um es besser auszudrücken, war sie sich bald sicher, dass sie niemandem mehr wichtig war – und damit starb jeder Kontakt zur Außenwelt. Die junge Frau, die sich so alt fühlte, erstickte unbewusst und selten auch bewusst, den Gedanken, dass sich jemand noch für sie interessieren konnte, Interesse, das darüber hinaus ging, was sie jemandem für Dienste erweisen konnte. Ein Dienst, der nie gefragt war, war die aufrichtige Freundschaft. Sie ging hinaus, manchmal, meist unfreiwillig. Der Zwang und Druck lag auf ihr: Schule und Arbeit war ihre Zukunft, wenn sie eines vernachlässigte, was wäre sie schon? Nichts. Das hatte man ihr beigebracht. Aber was, wenn die Arbeit nie endete, nicht einmal, wenn man Arbeit und Schule hinter sich gebracht hatte und man sich eigentlich in die weichen Kissen des Bettes werfen wollte? Was, wenn dort immer etwas lauerte, um ihr die letzte Ruhe, letzte Kraft zu rauben? Was, wenn ihre Batterien leer waren, doch sie selbst, trotz aller Kraftlosigkeit weiter funktionieren musste? Das.. „Was, wenn?“, es wurde ihr etwas spät, wenn nicht zu spät, beantwortet.
    Müde, unbewusst lebend, ohne Lebensfreude ging es hinaus in die weite Welt, Tag für Tag, Stunde um Stunde. „Woran denkst du gerade?“, fragten die Leute in ihrem Umfeld. Für sie war die junge Frau wie ein Alien. Sonderbar, nicht so gesprächig, und immer hatten sie das Gefühl, dass ihre Wortkargheit mit ihnen zu tun hatte, oder ihre „Schüchternheit“ von ihnen behandelt werden musste, und, dass die Worte „das wird schon wieder“, „Wenn du reden willst, höre ich dir zu.“ oder „Lass den Kopf nicht hängen“, ihr irgendwie helfen könnten. Natürlich hatten sie nicht immer nur Schlechtes im Sinne, auch wenn es der jungen Frau oft so erschien – ganz ungewollt, einfach, weil es doch schwer zu glauben für sie war, dass jemand es wirklich ernst und gut mit ihr meinte. Trotzdem waren die Meisten einfach nur stumpfsinnig, fand sie, hatten keine Ahnung – das hatte oft auch mit ihrem Selbstmitleid zu tun. Sie fand nicht, dass es etwas Schlechtes war, Selbstmitleid zu empfinden. Es war ein Grund mehr, sich noch lebendig und menschlich zu fühlen, wo man sonst nur als Alien angesehen wurde, und man sich genau so auch fühlte: Wie ein Alien auf einem fremden Planeten. Ja, durchaus fühlte sie sich für sich selbst bedauernswert, manchmal. Das waren doch noch ihre guten Tage. Wenn man noch bedauerte, dann brauchte man sich nicht vor sich selbst zu fürchten. Sie hatte ein Gemisch von Ekel vor sich selbst und Freude in sich, wenn sie bemerkte, wie dermaßen schlecht es ihr erging. Denn, auch wenn es erbärmlich war, so war es ein Zeichen von gesunder Lebensliebe. Nicht loslassen zu wollen, noch ein Stückchen Willenskraft zu besitzen, weiterzuleben.

    Die Menschen um sie herum wurden ihr, von ihnen ungewollt, zur Last. Eine tägliche Last, die Frage „Wie geht es dir“ nicht mit der eiskalten Wahrheit zu erschüttern. Eine tägliche Last, bei der Frage danach, woran man gerade bei seinem leeren Blick dachte, nicht einzuknicken und niemals die lange, Schmerz bereitende Antwort darauf zu geben.
    Nicht zu sagen „Ich denke gerade daran, wie es wäre, wenn ich tot wäre, an einem anderen Ort.“, oder, „Ich denke gerade daran, wie es wäre, wenn ich einfach umbringen dürfte, wer mir nicht gefällt, wer mir sagt was mir nicht gefällt, wer mir noch einen Tag länger etwas antut, was mich zerstört, wer mich schräg ansieht, wer mich fragt, woran ich denn bitte gerade denke!“.
    Die Last der nichts-ahnenden Menschen, der Menschen, die ein paar Tage im Jahr traurig waren, doch sich nie viele Gedanken machten. Die Last der Menschen, die sich für etwas Besseres hielten, die Last, dass man als etwas Minderwertiges angesehen wurde und sich selbst tatsächlich sagte, dass man auch wirklich minderwertig war.
    Jeder Tag wurde zur Last.
    Das Haus zu verlassen war eine Last. Den Müll heraus zu bringen, oder etwa, dem Nachbarn zu grüßen. Einkäufe zu erledigen und durch den Supermarkt zu laufen, als wäre man auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, auf dem man mit faulen Tomaten und Eiern beworfen wird, was in diesem Fall verachtende Blicke und verletzende Worte waren. Sein Gesicht zeigen zu müssen, es war eine Bestrafung.
    Und dann wurde es eine Last, aus dem Bett aufzustehen. Ihren Blick von der Decke abzuwenden, die sie anstarrte, während ihr so viele Fragen durch den Kopf schossen. Selbst-zermürbende Fragen, Fragen, die sie sich niemals beantworten konnte. Oder selbstzerstörende Vorwürfe, die sie sich stumm machte, weil sie es nicht einmal schaffte, aus dem Bett aufzustehen, statt „einfach“ aus dem Bett aufzustehen.
    Der Körper wurde zu einer Last - mit der Selbstzerstörung ging auch die Zerstörung des körperlichen Wohlbefindens einher. Schmerzen die den Weg für den absoluten und scheinbar nicht zu durchbrechenden Teufelskreis machten. Dazu kamen Gedanken wie, „Wenn ich nur nicht solche Schmerzen hätte, ich würde versuchen, mich aufzurappeln.“ Schmerztabletten, die sie nahm, aber gegen sie immun wirkte, weil sie sie zu oft nahm.
    Alles schien schier endlos und nichts schien zu helfen, doch vor allem half sie sich selbst nicht. Jegliche Selbstliebe war verschwunden und alles, was sie jetzt noch antrieb, so dachte sie, wäre Druck, Druck, dass es einem besser gehen musste, dass man nur lächeln musste und das Glück käme vielleicht, eines Tages, mit genug Tapferkeit von ganz alleine. Ja, mit der Einstellung, dass man sich nur genug Druck machen musste, „den ***** hochbekommen“, schaffte sie es ab und an, sich aus den tiefsten Löchern empor zu graben.

    Sie liebte es, sich selbst im Spiegel anzulächeln, selbst, wenn es gestellt war.
    Es gab ihr eine Illusion davon, wie es sein könnte, wenn sie sich nur genug bemühte. In Wirklichkeit machte sie sich nur den Druck, den ihr andere, die sie aus ihrem Leben verbannt hatte, sonst immer gemacht hatten. Sie stand nun stellvertretend selbst ein, für die, die ihr ihr Leben lang eingeprägt hatten, dass sie funktionieren musste. Ja.. Jetzt redete sie sich selbst ein, dass es besser war, wenn sie sich anstrengte, jeden Tag, egal wie es ihr ging.
    Die Gedanken verbannen, die zu tief gingen, um sich damit während all dieser Anstrengung auseinanderzusetzen. Den Kopf voll mit Dingen haben, die für die Gesellschaft, aber eigentlich nicht für sie selbst wichtig waren. Den Kopf damit füllen, wo man Abends am Besten einen trinken gehen konnte, statt sich zu fragen, ob man überhaupt wirklich glücklich war. Sich bloß nicht eingestehen, dass man Angst davor hatte, den Kopf wieder von diesen Nichtigkeiten zu befreien und sich die wirklich wichtigen Dinge zu fragen wie: „Fühle ich mich nicht einsam?“, oder, „Brauche ich nicht doch jemandem, der mir hilft, mir zuhört?“.
    Wie dumm es war, den Kopf so voll mit falschen, gestellten Lückenfüllern zu stopfen, erkannte sie, als sie wieder zusammensackte. Den Blick gen Decke, im Bett, sich selbst verachtend.
    Sie hatte sich selbst unter Druck gesetzt und statt dass sie durch ihre Mühe belohnt wurde, wurde sie unglücklich. Denn selbst wenn sie etwas „erreichte“ was von ihr nun mal verlangt war, so hatte sie nie das Gefühl, sich einmal auf etwas ausruhen zu dürfen. Stets spürte sie diese Peitsche in ihrem Rücken. „Tu alles was du kannst, bis du nicht mehr kannst. Du willst keine Versagerin sein!“.

    Aber immer wieder rappelte sie sich mit Gewalt auf. Zu groß wäre die Schande, sich einzugestehen, dass sie ein „kaputter“ Mensch war, ein Mensch der sich ausgeschlachtet fühlte und alt, obwohl er jung war. Zu schmerzhaft wäre die Erfahrung, sich auch nur einem weiteren Menschen wieder derart verletzbar zu zeigen. Unerträglich.. Wenn wieder jemand seinen Finger in die Wunde drücken könnte. Scham. Das war es, was sie davon abhielt. Sie schämte sich dafür, kaputt zu sein.
    Natürlich tat sie das.
    „Stell dich nicht so an.“, „Es ist auf keinen Fall so schlimm“, „Ist ja ekelhaft, wie du dich bemitleidest“, „Oh, eine Runde Mitleid“, „Du brauchst doch nur Aufmerksamkeit“.
    Dinge, die man einem depressiven Menschen, der so oft zu kurz gekommen war, niemals sagen durfte, die aber gesagt werden, viel zu oft – egal wem gegenüber, egal wie gesund oder nicht gesund. Sie brennen sich in die Köpfe aller ein und kommen hoch, wenn es darum geht, ob man überhaupt noch verletzbar sein darf. Und wenn sich Menschen fragen müssen, ob diese Verletzbarkeit nicht missbraucht wird.
    Sie hatte sich oft gefragt, ob es in Ordnung wäre, Hilfe zu brauchen.
    Und nach vielen Malen, in denen sie den Kopf geschüttelt hatte und mit Angst, dass man diese Verletzbarkeit verhöhnen und missbrauchen würde, schließlich beschlossen hatte, noch einmal einfach weiterzumachen ohne Hilfe, da.. Da ging sie das Risiko ein, in ihrer dunkelsten Stunde.
    Was konnte man ihr schon antun, wenn sie um Hilfe bat, was man ihr nicht schon angetan hatte? Und selbst, wenn es etwas „Schlimmeres“ geben konnte, wenn man sie für ihre Schwäche in den Dreck schubste, so hätte sie keine Möglichkeit ausgelassen. Letztlich war es ja nicht so, dass sie sich selbst bemitleiden und in ihrer aussichtslosen Situation verharren wollte, sondern wollte sie doch, dass es ihr besser ging – wenn es nur irgendwie die Möglichkeit dazu gab.
    Was also war falsch daran, verletzbar zu sein? War das nicht sogar eine Stärke, statt einer Schwäche? War das nicht eine ganz besondere, benötigte Form von Mut?

    Also nahm sie sich Hilfe. Hilfe, sie kann viele Formen haben und jeder Mensch kann wissen, was er am ehesten braucht. Sie besiegte ihre Scham und ging zu ihrem Arzt, ein unangenehm kühler Weg, aber nur zunächst. Das ungewohnte Gefühl, selbst fremden Menschen offen zu legen, dass es einem schlecht ging, dass man ein Mensch mit Problemen war... Später würde sie verstehen, dass es nicht ungewöhnlich war, und sie würde verstehen, dass es ganz egal war, was andere darüber dachten.
    Sie besuchte die Therapie, in der sie, wie auch beim Arzt, ungewohnt offen über sich sprach. Erst, da wusste sie gar nicht, was sie sagen sollte – sie hatte so lange einfach nichts gesagt.
    Aber Hilfe kann auch anders aussehen, als wie ein Arzt oder eine Therapie, Hilfe kann ein guter Freund sein oder die Familie, die einen in schwerer Zeit vielleicht stützt. Es kann auch ein Ort sein, an dem man sich geborgen fühlt, je nachdem, wonach sich das Herz sehnt – aber das Wichtigste ist, dass man sich nie wieder schämt dafür, dass man ein Mensch ist, der nun einmal Hilfe annimmt.

    Aber ein Freund, eine Familie, die Therapie oder der Arzt konnten der jungen Frau nicht vorkauen, welche Lebenseinstellung die Beste für sie war. Es waren Wegbegleiter. Sie hielten ihre Hand, gaben ihr eine Wertschätzung für das Vertrauen und die Verletzbarkeit, die sie ihnen öffnete. Es waren Dinge, die man nicht kaufen konnte, aber auch Dinge, die sie allein nicht retten konnten. Sie lernte nur durch all diese Wegbegleiter, wie sie sich selbst retten konnte. Es war die Kraft, die Batterie, die wieder gefüllt wurde. Die Frau lernte grundlegende Dinge, wie, dass nicht jeder Mensch ein Monster war. Dass ein neugieriger Blick eines fremden Menschen nicht gleich eine Verurteilung war, und dass sie es wert war. Dass sie es wert war, dass man sich für sie interessierte, aber vor allem, dass sie es sich selbst wert sein durfte, sich zu lieben.
    Danach, als sie dieses wichtige Bewusstsein zurückerlangt hatte, erlangte sie auch ihren Charakter zurück. Die ganze Zeit war ihre ganz einzigartige Persönlichkeit wie in einem Gefrierfach verwahrt und auf Eis gelegt worden, ihre Persönlichkeit war vergraben unter dem Krempel, unter einer ganzer Müllhalde von Negativität, Vorwürfen, Trägheit, Selbstverachtung.. Ihrer Depression.
    Es hatte so lange gedauert, bis sie realisierte, wie es ihr erging, Es dauerte viel zu lang, weil sie alles um sich herum abgestoßen hatte, sich selbst von außen abgegrenzt hatte, statt früh zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Und statt früh zu erkennen, dass es Menschen gab, die ihr Flausen in den Kopf setzten, aber es genauso Menschen gab, die sich um sie sorgten.
    Sie hatte einfach alles aus ihrem Leben verbannt. Die Außenwelt war nur ein schlechter Film gewesen, den sie sich ab und zu reinziehen musste und alles was übrig war, war die Seuche, mit der man sie zuvor angesteckt hatte, die sie ganz allein zerfraß.
    Und auf dem Weg der Heilung, da lernte sie sich selbst endlich wieder kennen. Tatsächlich kannte sie sich selbst nicht mehr wirklich, sie musste erst herausfinden, wer sie überhaupt war. Jahre im Tiefschlaf. Sie fühlte sich unbeholfen, als würde sie über ganz furchtbar dünnes Eis laufen und bei einem Fehltritt sofort ertrinken. Und ja, auf ihrem weiteren Weg dorthin, wo sie sich vollkommen fühlen könnte, traf sie viele Menschen, die sie in die Irre führen wollten, damit sie im kalten Wasser ertrank. Aber da erkannte sie endlich, dass diese Menschen auch nur ihren Weg über das dünne Eis suchten, so wie sie, und sie alle waren auf ihre Art unbeholfen. Manche hatten ihre Liebe und Empathie vergessen und waren ganz unbewusst auf der Suche nach ihr, und manche wussten, genau wie sie, überhaupt nicht mehr, wer sie waren.

    Sie ging wieder aus dem Haus, ab und an, manchmal gab es aber auch noch Zeiten, in denen sie lieber Zuhause unter der Decke verkrochen nach Worten suchte. Sie lernte Dinge kennen, die ihr halfen, ihre Sorgen loszuwerden. Aber vor allem hatte sie sich verinnerlicht, dass es wichtig war, sich nicht dafür zu verteufeln, dass man sich teils Wochen lang einfach verkroch und keine Lust darauf hatte, mit Menschen zu sprechen. Und auch, wenn man unglücklich war, war das keine Schande. Das, was ihr wirklich am meisten dabei geholfen hat, sich so zu akzeptieren wie sie war, war der Gedanke, dass es egal war, wenn es jemandem nicht schmeckte, dass sie so offen mit ihrer Krankheit umging. Sie war ein Mensch der einst sehr versunken in seinen Depressionen lebte, und endlich lernte, wieder zu seiner Menschlichkeit zu stehen.
    Es war nicht schlimm, wenn sie nicht „funktionierte“. Was hieß es schon, zu funktionieren? Sie war menschlich, auch in ihrer Depression, und hieß das nicht, dass sie „funktionierte“?

    Es darf nicht nur zählen, was man in der Schule, der Uni, auf der Arbeit für Dinge leistet. Am Ende hält man Papier in seinen Händen, ob es nun Geld ist, oder ein Zeugnis darüber welche Arbeit man geleistet hat. Natürlich ist es schön, wenn man von anderen Menschen für seine geleisteten Dienste auch anerkannt wird. Aber wenn man nach alledem kein Leben, kein Bewusstsein hat in das man zurückkehren kann.. was ist das schon wert?
    Alles was zuerst zählt ist doch, dass man sich selbst aufrichtig fragen und beantworten kann, ob man glücklich ist, ob man tut was man liebt, und ob man hier und jetzt gerade sein Leben genießt. Lebt man nur in der Vergangenheit, oder setzt sich für seine Zukunft unter Druck.. Wann lebt man dann? Versucht im Jetzt zu leben. Sucht euer Glück, ihr glaubt nicht, wie viel mehr ihr eure Mitmenschen bereichern könnt, wenn ihr selbst zuerst einmal wirklich glücklich seid. Lächelt, wenn ihr euch gut fühlt, ihr werdet sehen dass ihr anstecken könnt. Vergesst nicht, dass ihr auch mit Negativität anstecken könnt, vergesst eure Kraft nicht. Vergesst euch selbst nicht.
    Versucht so oft bewusst zu leben, wie es euch möglich ist. Regt euch nicht sofort auf, sondern versuchen wir doch zuerst einmal darüber nachzudenken, ob an den Dingen nicht auch etwas Gutes ist, so wie sie sind. Lasst uns nicht immer sofort an die schlechten Absichten glauben, sondern immer zuerst an die Menschlichkeit. Niemand ist fehlerfrei, egal, ob er sich selbst so aufführt. Letztlich sind die Menschen, die verletzen und herumschubsen, auch nur jene, die einen Schutzwall um sich aufgebaut haben.. Und fangt niemals, niemals an zu glauben, dass ihr es verdient habt, dass man euch schlecht behandelt.

    Zieht die Notbremse, wenn ihr bemerkt, dass ihr in einer Dauerschleife lebt. Schämt euch nicht für Probleme die nun mal da sind. Gesteht euch selbst ein, dass ihr nicht perfekt sein könnt. Perfekt wird nie jemand sein. Und wenn ihr Hilfe braucht, scheut euch niemals danach zu fragen. Wenn ihr euch alleine fühlt, sprecht mit Menschen – egal welchen, seit einfach offen und fair. Das macht euch so viel sympathischer – finde ich!
    Ich habe sehr sehr viel Zeit mit idiotischen Sachen wie Stolz, Ignoranz, Selbsthass und Oberflächlichkeit verschwendet.. Ich schäme mich für nichts mehr, und ich gestehe mir viel ein – mein Ego stand mir viel zu oft schon im Weg.

    Was ich hier schreibe, klingt an sich ganz simpel.
    Ist es aber nicht. Nicht für jeden.


    Auch wenn dies „nur“ ein Forum im weiten, weiten Netz ist, so möchte ich jedem hier, der sich durch mich schon einmal von unschönen Emotionen angesteckt gefühlt hat, dezent die Hand reichen und jeden wissen lassen, dass ich mir durchaus bewusst bin kein unkomplizierter Mensch zu sein, nicht mal im schönen anonymen Internet.
    Ich wünsche euch allen, dass ihr ein Leben habt, das ihr bewusst genießt und dass ihr, wenn es soweit kommt, früh genug erkennt, wenn es euch im Leben bergab zieht, und dass man euch Hilfe bieten wird, wenn ihr Hilfe wollt.
    Ich wünsche euch was.
    Franzi

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    Falls jemand wissen möchte woher ich die Idee für meinen Titel habe.
     
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  3. Oblvion_Member

    Oblvion_Member Vertrauter

    Toller Text und ist das nicht dein ehemaliger Blogtitel? :good:

    Grüße
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Mai 2016
    Asteria gefällt das.
  4. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Genau, das war er, den Titel als Motto mochte ich schon immer :) Nur war der Blog noch bei weitem extremer in Sachen Persönliches :3

    Danke dir :)
     
  5. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Ich schreibe heute endlich wieder in meinem Blog-Ähnlichen Thread, in dem ich gerne öfter meine Gedankengänge und Ideen, aber auch simple Gefühle, niederschreiben möchte.
    Es braucht dafür sehr viel Motivation, denn nach dem Umzug zum neuen Portal ist ein für mich bedeutsamer Text verloren gegangen, von dem ich dachte, ich hätte ihn auf dem alten PC abgesichert, weswegen ich mich nicht an Scharesoft gewendet hatte. Leider irrte ich mich und deswegen ist der Text wohl nicht mehr so leicht wiederzuholen, aber es gibt ja noch genug Zeit, den Thread auch weiterhin zu füllen...


    Du darfst weitergehen.

    Was einen am meisten vom aufrichtigen Fühlen, bewusstem Leben und innerer, als auch äußerer Sicherheit abhält, ist an Altlasten zu klammern. Diese Altlasten können vieles sein.
    Eine peinliche, niederschmetternde und brechende, traumatische, verschüchternde, erschütternde und schockierende, oder einfach nur traurige Situation, auf der man am liebsten stummschweigend hockt, um sie irgendwann zu verstehen.
    Oder etwa ein Mensch, den wir sehr gerne haben, von dem wir aber immer wussten, dass er uns mehr Schlechtes tut und will, als er einem geben könnte. Menschen, zu denen wir Abhängigkeitsverhältnisse empfinden konnten, einfach, weil sie immer dort waren.. Selbst wenn mehr im Schlechten, als je im Guten.
    In dem Moment, in dem wir Sicherheit in der Gewohnheit des Erduldens existenter Probleme und gar traumatisierender Ereignisse suchen, und uns an dieser Gewohnheit und Ignoranz festklammern, in dem Moment schalten wir so viele Möglichkeiten, sich lebendig und bunt zu fühlen, aus. Nicht ein für alle male, doch wir begeben uns in einen Tiefschlaf, aus dem uns vielleicht verschiedene Dinge zu retten versuchen könnten.. Doch vor allem wir selbst und unsere Bereitschaft, Risiken einzugehen und uns zu vertrauen, können uns dort herausholen.

    Ich bin des öfteren im Leben das Risiko, alleine zu sein, eingegangen. Es war das einzige was mir passieren konnte, wenn ich mir schwor, mit Dingen oder Personen abzuschließen, die mir einfach nur furchtbar schlecht taten und sich selbst mit aller Arbeit und jedem guten Willen nicht herumreißen lassen sollten.
    Und wenn man erstmal beginnt, mit all diesen schmerzhaften Dingen abzuschließen, was ist dann daran so schlimm, einfach mal alleine zu sein? Es würde bieten, sich selbst endlich wieder weiter kennenzulernen, in vollkommenem Alleinsein, doch nicht etwa unbedingt in negativer Einsamkeit. Sich selbst in jeder Lebenssituation kennenzulernen, Gefühle für sich einzugestehen und zu reflektieren, das ist stets das Beste und Gesündeste, was man für sein Selbstbewusstsein tun kann. Lernen, sich selbst zu vertrauen. Denn sonst könnte man nach eventuellen Enttäuschungen erst recht nur schwer oder gar nicht einem anderen Menschen vertrauen.
    Je nachdem, wie hart und zäh jene Ereignisse oder Personen sind, je länger man sich mit ihnen herumquält, desto überfälliger ist es eigentlich auch, mit ihnen abzuschließen.
    Die Leidenszeit kann somit in manchen Fällen sogar dazu verhelfen, schneller abzuschließen. Wenn man sich fallen lässt, wenn man bereit dazu ist.. Wenn dieser eine ganz besondere Punkt erreicht ist, an dem man einfach weiß, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt beginnen MUSS.
    Ich habe diesen Punkt schon öfter, doch vor einiger Zeit das letzte Mal, erreicht.
    Es ist befreiend, wenn man ohne wirklich zu bedauern, abschließen kann. Das hat man sich verdient, wenn man sehr lange Zeit damit verbracht hat, zu sehen, ob es nicht doch irgendwie funktionieren kann, mit dieser Erinnerung/Erfahrung eines furchtbaren Ereignisses, oder einer niederschmetternden Person, irgendwie weiterzuleben.

    Man kann im Leben irgendwann immer sagen:

    „Ich habe es versucht. Es ging mir oft schlecht, ich habe mich nicht zu schämen dafür. Ich hatte Hoffnung, dass es sich ändern würde oder mit der Zeit erträglicher werden würde, damit zu leben. Es war nicht so, als hätte ich es getreten oder verleugnet. Ich wollte damit wachsen und voranschreiten. Es hat nicht geklappt und es ist okay. Jetzt darf ich mich dessen entledigen.
    Ich DARF loslassen. Ich kann mich endlich rehabilitieren, ich darf mich pflegen, lernen mich wieder zu lieben, ganz allein dafür, wer ich bin und was ich alles versucht und gegeben habe.
    Ich darf mich von allen Dingen, die mich herunter ziehen, einfach seperieren. Mir vorstellen, wie ich es mir von den Schultern schnüre, in diesem einen dunklen Raum liegen lasse und sage: Das gehört nicht zu mir. Es ist nicht mein Päckchen, nicht meine Verantwortung, nicht das, was ich mir für mein Leben aussuchte. Ich werde mich nicht weiter damit quälen, sondern diese Last hier liegen lassen und einfach weitergehen. Irgendwann wird es aus der Sicht geraten, auch, wenn es vielleicht etwas dauern könnte. Und dann werden mir neue Dinge ins Auge springen, gewiss.“

    Wenn es Dinge oder Personen gibt, die euch schaden, mehr als sie euch irgendwie glücklich machen könnten, oder bereichern, oder eben einfach weiterbringen..
    Dann versucht es nicht zu ignorieren, vor allem nicht, wie schlecht ihr euch deswegen fühlt.
    Umarmt es, versucht es zu ergründen, versucht Wege zu finden, es zu verarbeiten und zu verändern, wie es euch beeinflusst. Versucht ruhig, Lösungswege zu finden, solange es euch nicht zerfrisst.
    Und wenn ihr merkt, dieser Fels den ihr auf euren Rücken fühlt, der lässt sich nicht bewegen, der hält euch einfach nur an diesem einen Fleck fest und so optimistisch ihr seid, dass er sich gleich einen Meter tragen lässt, ihr werdet immer wieder enttäuscht..
    Dann ist es vielleicht nicht die Last, die ihr verkleinern oder tragen könnt. Dann gehört vielleicht mehr dazu, als eure eigene Bereitschaft, etwas an den Dingen zu ändern. Dieser Fels wird nach so langer Zeit bestimmt nicht plötzlich eine Schwebefähigkeit dazugewinnen, oder von einer anderen Seite aus bewegt werden.
    Schnallt es euch ab, wenn ihr das Gefühl habt, ihr befindet euch in einer schier endlosen Eiszeit und ihr versucht schon so lange, daran zu arbeiten, es zu bewegen, zu verändern, was euch aufhält und vielleicht vollkommen ausbremst.
    Ist egal, ob dann plötzlich jemand ruft und fleht, ist egal wenn ihr euch nur sicher seid, dass ihr nach langer Zeit keinen Zentimeter Regung ausmachen konntet.
    Wenn ihr keine Kraft mehr habt, schnallt es euch ab und geht ein Stück für euch selbst.
    Lernt euch kennen und testet aus, wie frei ihr euch plötzlich fühlt.

    Wenn ihr lernt, euch selbst erst einmal zu vertrauen und auch darauf, dass ihr euch auf euren eigenen Beinen, ohne Altlasten voranbringen könnt, dann fühlt ihr euch vielleicht viel eher dazu bereit, das Steinchen zu bewundern, solltet ihr euch wegen der zurückgelassenen Last doch im Kreis bewegt haben. Dann ist der Fels vielleicht nicht mehr so groß, wie er damals scheinte, denn ihr hattet Zeit Kraft zu sammeln im Alleinsein, vor allem neue Erkenntnisse, Ruhe und Vertrauen, Vertrauen euch selbst gegenüber. Dann könnt ihr vielleicht im Nachhinein alles, was ihr hinter euch gelassen habt, viel klarer reflektieren und daraufhin verstehen. Ihr lernt daraus viel mehr, wenn ihr selbst wisst, wo ihr steht und wozu ihr eigentlich fähig sein könnt.
    Lernt euch einfach kennen und zu vertrauen..
    Macht das nicht von untragbaren Lasten abhängig.
    Sie sind nicht immer untragbar, etwa weil ihr nicht fähig seid.. Seht auch auf die Schwere der Last und je nachdem, auch auf die Personen, die sie auf den Boden drücken...
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Oktober 2016
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  6. Amneris

    Amneris Bürger

    Ich bin mir sicher, dass dies einigen zumindest ein bisschen helfen und zum Nachdenken anregen wird. Gedankengulasch würde ich keinen deiner beiden Beiträge nennen. Ich verstehe was du meinst, nicht völlig, aber doch sehr wie du dich fühlst/test, aber vor allem bestätigst du meine Gedanken, wegen derer ich noch nicht völlig aufgab. Diese zwei Gedanken, die in mir immer wieder aufkochen, mich fast zu weinen bringen (wenn ich es noch könnte) sind sehr simpel: "Es gibt auf der Welt so viele mehr, denen es weitaus schlimmer geht als dir." und "Du bist nicht alleine kaputt in dieser wahnsinnigen Welt." Auch wenn es vermutlich eher egoistisch, fast dreist daher kommt und nach Selbstmitleid klingt, es gut zu finden, dass es einem nicht ganz so schlecht geht, wie jemand anderem, ist das auch gar nicht so gemeint. Es ist schwer zu erklären, aber es gibt mir einfach ein wenig Kraft. Vor allem zu wissen, man ist nicht allein. Ich denke du verstehst nun wiederum mich. Also danke. Danke für diese zwei Beiträge, danke, dass ich nun ein wenig weiß, wer du bist. Danke, dass ich wieder feststellen durfte, ich bin nicht allein kaputt.

    Ps.: Ich sehe Menschen mit Problemen eher als normal und interessant als Menschen, die vorgeben das perfekte Leben zu leben und sich hinter einer Fassade aus Ignoranz und Arroganz verstecken.
     
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  7. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Danke für deine Antwort und es freut mich, dass du etwas daraus gewinnen konntest und du die Zeit hattest, das alles zu lesen.

    An sich hat für mich der Gedanke "He, da sind Menschen denen es bei weitem schlechter geht!", zwei Seiten.
    Einerseits das Gefühl: "Du bist nicht allein und schätze, was du zumindest noch hast."
    Andererseits meine Meinung: "Leid kann man nicht vergleichen, nicht aufwiegen und sehen welches schwerer ist. Leid ist da oder nicht da und sich mit dem Gedanken in Scham, Pein oder allgemein der Einstellung "anderen gehts schlechter, stell dich nicht so an" zu verrennen ist eigentlich falsch. Du fühlst, was du fühlst und wenn das für dich furchtbar ist, und es dir schlecht geht, ist das nicht weniger wert, als bei jemandem anders. Du darfst dir in jeder Situation deswegen Ruhe, Selbstmitleid oder eine andere rapide Reaktion zugestehen, denn es rührt dich.".

    Ich hatte erst neulich das Gefühl, dass ich andere Menschen mit meiner Scheiße die gerade so passiert, erdrücke, weil sie plötzlich denken können, was ihnen schwer im Magen liegt, wäre im Angesicht dessen vielleicht weniger bedauernswert, etc.. Deswegen hatte ich das Gefühl, sie fühlen sich dadurch schlecht, und ich sollte vielleicht einfach den Mund halten.
    Die Tatsache ist aber, fangen sie an diese Vergleiche zu machen und bestrafen sich mit Scham oder Pein für ihre Probleme und Lasten, dann liegt das nicht in meiner Verantwortung. Alles was ich sagen kann, ist, wenn du fühlst und tief betroffen bist, dann hast du das Recht dazu wannimmer du willst und dafür muss man sich auch in keiner Lage schämen oder verteufeln.
    Andererseits hat mir vor ein paar Monaten jemand ins Gesicht klatschen wollen, mein Problem sei zwar groß, aber doch nichts im Angesicht seiner traumatischen Erlebnisse. Ich war zutiefst schockiert von dieser fehlenden Empathie, konnte aber abgrenzen, weil ich es mir beibrachte. Alles was ich sagte, war: "Das kann man nicht vergleichen, Leid kann man nicht vergleichen." und dann ging ich.

    Ich weiß auf diese Richtung wolltest du nicht hinaus :) Aber für mich ist das ein wichtiger Part wenns drum geht zu sagen "anderen gehts aber schlechter als mir".
    Ist doch viel besser zu sagen, man ist wirklich nicht allein mit seinen Lasten, wenn man daraus ein helfendes Gefühl der Gemeinsamkeit ziehen kann. Das zu sagen gefällt mir besser.

    Und Selbstmitleid als auch Egoismus (Egoismus wohl besser in Maßen hier und da) wären da auch nichts Schlechtes. Absolut nicht. Man neigt vielleicht dazu sich dafür zu schämen, aber in Wirklichkeit ist es nichts Schlechtes, wirklich nicht. So sehe ich das. :)
    Ist auch okay, sein Ego etwas zu streicheln - besser, als andere das tun zu lassen :p
    Und hey, ja, es hilft mir dich etwas besser zu verstehen, ich denke das kann ich soweit es sich mir durch deine Reaktion eröffnet jetzt besser. :)
    (Auf deine liebe PN antworte ich später :) )

    PS: So sehe ich das auch. Die am härtesten geschundenen Persönlichkeiten können oft die interessantesten Denkanstöße geben.
    Sie haben vielleicht schon viel öfter zu aller erst sich selbst ertragen und kennen lernen müssen, und daher sehr viel gelernt :)

    Liebe Grüße
    Tear
     
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  8. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Ich hatte heute so wunderliche schöne Anwandlungen von wirren Gedanken, als ich rausging und die kalte frische Luft schnupperte - leider hatte ich keinen Stift und Block zur Hand in diesem Falle, aber ich habe versucht es nur ganz grob im Nachhinein festzuhalten. c:


    Der Erwachte Frühling gibt mir das Gefühl, als hätten meine Tränen der vergangenen Monate auch dieses Jahr sein Erwachen für mich überhaupt erst ermöglicht.
    Ich bin ganz alleine und habe dieses Déjà-vu, doch trotzdem ist dieses Mal etwas anders.
    Meine Gefühle sind in dieser Schleife gefangen und doch wächst langsam, endlich, ein Stück Rebellion in mir.
    Die Wiesen und die Baumkronen hier sind saftig und grün, bis auf die zarten, rosa Blätter der Mandelbäume. Blumen, vor allem unzählige Tulpen, blühen in wunderschönen, satten Farben und sie fangen meine traurigen Blicke, als sei es ihre Aufgabe, meine Augen wieder zum Leuchten zu bringen.
    Die Vögel zwitschern aus den dichten Baumkronen, behüten die Jungvögel in ihren Nestern und sind das schönste Beispiel für neues Leben.. Und mein neues Leben.
    Der Rest aller Dinge ist einfach nur grau, beinahe öde. Das Vogelleben tönt trotzdem kraftvoll durch diese graue Welt um mich, so wie das Grün und die satten Blumen die Farblosigkeit durchbrechen. Der Himmel, grau wie der Boden, Gebäude und Menschen, wirkt wie auf einem unfertigen Gemälde, dessen Künstler vergessen hat, den Hintergrund zu colorieren. Dieses Leben und ich, versuchen das einerseits so hässliche, andererseits so schön melancholische Grau abzulösen, mit neugewonnener Rebellion und Lebenswillen gegen das alljährliche Leid anzukämpfen.
    Jeder Windschlag in mein Gesicht, der von der Nordsee herübereilt, wirkt wie unausgesprochene Anklagen gegen mich, die mich zwar nicht zum Frieren bringen können, aber zum Zittern vor unerklärlicher, vielleicht oder vielleicht auch nicht begründeter Wut in meinem Bauch, die nur ein weiterer schwacher Treibstoff für meinen Weg zu mir selbst ist.
    Und während ich einen Anlauf starte, eine vermeintliche Endlosschleife zu durchbrechen, wende ich mich von dir ab, wie von vielen verschiedenen Menschen zuvor schon.
    Dieser Frühling mit all seinen Farben und seiner Gräue, fast schon wie alleine uns gewidmet, wird nur der erste Teil unserer Heilung sein.
    Wenn ich, wieder wunderbar alleine, durch dieses Jahr gewandelt bin, hoffe ich, dass trotzdem auch nächstes Jahr der Frühling so wunderschön erwachen wird.
    Auch ohne eine Träne zu vergießen.

     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Mai 2017
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  9. Asteria

    Asteria Freund des Hauses

    Der Boden unter meinen Füßen ist kalt und hart, gleichermaßen rau und zerschlagen von Kämpfen, die in weiter Vergangenheit einmal stattfanden.
    Wirre Kreidenotizen an den Wänden, sogar der Decke, die ebenfalls aus Gestein bestehen, zeugen von meiner Gedankenwelt.
    In der Kammer, die mich seit jeher gefangen hält, ist nicht mehr allzu viel Platz. Mit den Wochen, Monaten oder Jahren – wie viel Zeit habe ich hier schon verbracht? - haben sich die Wände immer enger gezogen; die Decke lässt mir nur noch Platz, aufzustehen. Worte über Worte, manchmal auch nur Zeichen, prangern mich von allen Seiten an. Auch auf dem kalten Boden Aschehaufen und irres Gekritzel, das kaum noch zu lesen ist, weil ich mit dem Auf-und-ab-Kriechen längst all die Kreide verschmiert habe. Die Lumpen die ich trage weisen Löcher auf, und wenn es unter der schweren, einzigen Tür hindurchzieht, dann bereitet es mir dadurch fürchterliche Gänsehaut. Ich friere. Fast jeden Tag ist es unsäglich kalt, doch ich beschwere mich nicht. Ich bin alleine und habe mich daran schon lange gewöhnt. Trotzdem ist das Bedürfnis, jemanden zu sehen – oder gesehen zu werden – noch vorhanden. Es ist dunkel, doch ich habe mich auch an die Dunkelheit gewöhnt. Es ist als leuchten mich die Kreideschriften an, ich brauche sie nicht lesen zu können. Meine Gefühle in dieser Kammer verwart, lebe ich schon einige Zeit vor mich hin und friste mein Dasein.

    Manchmal kommen dunkle Gestalten langsam durch die Tür gestohlen. Sie bringen Dinge vorbei, die nie lange währen. Hoffnungen und Erwartungen, die mich wundern lassen, wie grausam es dort draußen sein muss, dass sie sie in der Kammer meines Lebens unterbringen. Wie verzweifelt man sein muss, zu denken, dieser Ort würde sie gedeihen lassen, besser als es das Leben draußen je könnte. Es macht mir Angst, mehr denn je, daran zu denken diese Türklinke jemals wieder hinabzudrücken. So stellen die dunklen Gestalten sie immer wieder in der dunklen Kammer ab; Kisten und Kartons voller Erwartungen, Säckeweise Hoffnung und Wünsche. Getarnt als milde Gabe, stellen sie immer wieder alles voll, bis ich kaum noch Platz habe, mich zu bewegen. Wie gelähmt sitze ich in der Kammer, bis zum Platzen vollgestellt mit allem, was sie an mich knüpfen.

    Zuerst dachte ich immer, ich müsse doch dankbar sein dafür, dass sie mir all ihre Hoffnung anvertrauen, und ich könne selbst welche daraus ziehen.
    Erst fühlte ich mich beschwungen dadurch. Ich packte die Kisten aus, um zu würdigen was man mir anvertraute. Diese kleine Kammer war damals noch viel größer. Je mehr ich es tat, für sie, die dunklen Gestalten, die kamen um die Kammer vollzustellen – Jene Gestalten, die mir die einzige Gesellschaft zu bieten bereit waren -, desto weniger Platz war in meiner Kammer. Ich konnte mich langsam immer weniger frei bewegen. Als dann langsam all diese Wünsche und Erwartungen zu Asche zerfielen, und ich mich wieder bewegen konnte; wieder atmen konnte, da wunderte ich mich, was geschehen war mit all diesen Personen, all den Träumen. Langsam bewegte ich mich einst noch auf die Türe zu. Sie war nicht abgeschlossen, also musste ich frei sein, oder etwa nicht?

    Ich blickte durch einen Schlitz hinaus.
    Viele Augenpaare blickten mich aufmerksam an; sie hatten regelrecht darauf gewartet, dass ich sehe, was dort draußen auf mich wartet. Oder, darauf, was passiert, wenn sie mir ihre Erwartungen an mich überließen. Die Augen, sie leuchteten rot, mit Verachtung strafend aus den dunklen Gestalten hervor. Das Gefühl das ich bekam ließ mich nach Luft schnappen.
    Dort draußen war alles dunkel, kalt, grausam. Ich schloss langsam wieder die Tür.
    Ich hatte ihren Erwartungen nicht entsprochen. Ich hatte ihre Hoffnungen enttäuscht. Ich hatte ihre Wünsche nicht erfüllt. Als ich mich dann umdrehte, erkannte ich, wie sich zum ersten Mal die Kammer meines Lebens verengt hatte. Die Wände kamen näher, langsam. Die Decke wirkte niedrig. Ich wusste, dass ich es besser machen musste.
    Außerdem erkannte ich, dass die weiß leuchtende Kreide an den Wänden; meine Gefühle und Gedanken, das einzige Licht war, das sich mir noch bot. Und mit jedem Mal, mit dem ich erkannte, ich war wieder gescheitert; mit jedem Mal, bei dem ich ängstlich die Tür hinter mir verschloss; mit jedem wütenden Augenschlag, würde weniger Platz für meinen einzigen Lichtschein bleiben.
    Ich war töricht genug, es einige Male wieder zu versuchen. Die Gestalten hinterließen ihre Päckchen voll mit Erwartungen, und irgendwann sah ich, dass sie meine Anwesenheit in der Kammer kaum beachteten.
    Sie kamen, sahen mich nicht; sahen meine Person nicht - nur die Kammer, in der sie sich den Platz einräumten, der ihnen genehm war. Und die Kammer wurde immer kleiner. Kämpfend darum, mich bewegen zu können, atmen zu können und endlich die Welt dort draußen sehen zu dürfen, scheiterte ich wiederholt.

    Jetzt ist kaum noch Platz in der Kammer. Hier sitze ich. Dieses Mal fasse ich ihre Erwartungen nicht an. Ich nehme ihre Träume nicht in Obhut. Ich bleibe hier sitzen, selbst wenn ich daran ersticke. Ich werde die Klinke der schweren Tür nie wieder berühren, denn auch wenn niemand sie verriegelt hat, weiß ich, dass ich hier gefangen bin. Dieses Mal lasse ich die Pakete einfach unberührt. Ich werde vielleicht als Abstellraum benutzt, doch meine Kraft behalte ich für mich. Sie werden merken, dass ihre Erwartungen zu Asche zerfallen. Sie werden trotzdem niemals mehr mein ängstliches Gesicht zu sehen bekommen, wenn ich wieder einmal zögerlich durch den Türspalt schiele. Hier sitzend atme ich noch. Wie gelähmt, doch meine Gedanken sind mein Licht und meine Gefühle das, was mich nährt. Sie werden kommen und es versuchen, immer wieder. Und ich bin hier und ich bleibe hier. Alles wird bleiben wie es ist dieses mal, und ich habe mich.
    Und ich atme noch.

    Zittrig halte ich die Kreide in meiner Hand, nahezu krampfhaft.
    Diese Kammer ist mein Leben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Oktober 2017
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