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Schrift:Abba Arls Geschichten

Auflagen des Buches

Diese Seite enthält die Schrift Abba Arls Geschichten (Originaltitel: Tales of Abba Arl).

Inhalt

Abba Arls Geschichten
Verfasser unbekannt

Die Geschichte vom Ochsen

Eines Tages kamen die Kinder des Volkes zu Abba Arl und fragten: „Wer sind unsere Eltern?“

Abba Arl antwortete: „Das Volk hat nicht zwei Eltern sondern vier, und es sind diese hier: der große Drache der Zeit, der die Sterne auf ihre Bahn schickte und die Wächter bestimmte, die über die Welt wachen sollten; die Mutterschlange, in deren geschwungenem Rücken die Welt ruht; die Fette Mutter, die das Volk nährte, als es verloren war und hungerte; der Ochse, der das Volk auf seinem Rücken zur letzten Ruhestätte trägt. Viele Geschichten künden von den vier Eltern.“

Die Kinder sagten zu Abba Arl: „Erzählt uns zuerst vom Ende, vom Ochsen, der das Volk auf seinem Rücken zur letzten Ruhestätte trägt.“

Und dies ist die Geschichte, die Abba Arl ihnen erzählte:

„Bevor das Volk sich in Städten niederließ, folgte es den Herden der wilden Tiere, die durch die Wildnis zogen, und jagte sie ihres Fleisches wegen. Einer dieser Jäger hießt Colvy, und eines Tages stieß er bei der Jagd auf ein Kalb, das noch nicht einmal alt genug war, dass es aufrecht stehen konnte, und die Mutter des Kalbes lag tot neben ihm.

Der Jäger Colvy erbarmte sich des Kalbs und nahm es mit nach Hause in seine Hütte, wo er es mit den wilden Körnern fütterte, die er von den Feldern geerntet hatte, und mit den Beeren, die in den Büschen wuchsen, und mit den süßen Blättern der Bäume.

Und das Kalb wurde wie in Sohn für Colvy, wie ein Teil seiner eigenen Familie. Und auch als das Kalb ausgewachsen war, brachte es der Jäger nicht übers Herz, es zu töten und zu essen, also blieb es weiterhin sein ständiger Begleiter. Und das Kalb, das mittlerweile ein mächtiger Ochse geworden war, liebte den Jäger, als wäre er ihm Vater und Mutter zugleich. Jede Nacht wachte er vor Colvys Hütte, und sein Muhen warnte ihn vor Gefahren, und der Jäger beschützte den Ochsen vor Raubtieren.

Und so geschah es, dass Colvy eines Tages, als er auf der Jagd war, in ein Schlangennest fiel und übel gebissen wurde. Und er sagte zum Ochsen: ‚Ich wurde gebissen und sterbe. Du solltest mich verlassen und zu den anderen wilden Herdentieren gehen und mit ihnen über die Felder laufen.‘

Aber der Ochse antwortete: ‚Du bist mir wie ein Vater und wie eine Mutter. Ich werde dich nicht verlassen.‘

Und so wartete der Ochse bis spät in die Nacht an der Seite des Jägers, als dieser schwach vom Gift und erschöpft endlich starb.

Und als der Ochse bemerkte, dass der Jäger, der ihm wie Vater und Mutter zugleich gewesen war, nicht mehr lebte, muhte der Ochse mit einer solchen Macht, dass die Ebene erbebte und die Herdentiere vor Angst auseinanderpreschten.

Und dann nahm er Colvy auf den Rücken, und er ging zu den anderen Jägern und sagte: ‚Dieser Mann fand mich als Kalb. Als meine Mutter tot war, fütterte er mich und zog mich groß, bis ich ein mächtiger Ochse war. Er ist mir wie ein Vater und wie eine Mutter, und teurer als das Leben selbst. Er fiel in ein Schlangennest und die Schlangen bissen ihn und pumpten ihr Gift in sein Blut, und in der Nacht starb er.‘

Als sie sich den Ochsen angehört hatten, antworteten die anderen Jäger: ‚Was erwartest du, dass wir jetzt tun sollen? Wir sind nur Jäger. Wir wissen nichts von all diesen Dingen. Unsere eigenen Toten lassen wir in den Feldern liegen, als Fraß für die Vögel.‘

Der Ochse antwortete: ‚Es ist nicht richtig, dass der Leichnam dieses edlen Jägers auf offener Fläche liegen muss, als Fraß für die Vögel. Errichtet stattdessen einen Scheiterhaufen und legt seinen Leichnam darauf. Und wenn er verbrannt ist, tötet mich, nehmt mein Fleisch und bratet es über dem Scheiterhaufen und haltet ein Festmahl zu Ehren dieses edlen Jägers ab, damit ich ihm in die nächste Welt folgen und ihn ins Jenseits tragen kann, so wie er einst mich in seine Hütte trug, als ich noch ein Kalb war und noch nicht gehen konnte.‘

Und die Jäger erkannten die Weisheit in den Worten des Ochsen, und sie dachten auch an das große Festmahl, das der mächtige Ochse ihnen bescheren würde, also taten sie, wie ihnen geheißen.

Und da sie sahen, wie treu der Ochse Colvy gegenüber war, folgten die Jäger seinem Beispiel, und sie fingen an, die Wildtiere als Herden zu halten, damit sie ihnen nicht über die ganze Welt folgen mussten, um sie zu jagen. Und bis zum heutigen Tage wird ein Ochse geschlachtet, wenn ein Mann stirbt, und es gibt ein Festmahl, und die Knochen des Ochsen werden auf den Scheiterhaufen gelegt, damit der Tote ins Jenseits getragen wird.“

Als Abba Arl seine Geschichte beendet hatte, klatschten die Kinder Applaus und sagten: „Das ist gut. Danke, oh Ochse, unser viertes Elternteil.“

Die Fette Mutter

Eines Morgens fragte Abba Arl die Kinder: „Kennt ihr die Fette Mutter, die eine unserer Eltern ist?“

Die Kinder schüttelten den Kopf und sagten: „Nein, Abba. Wir wissen nichts über die Fette Mutter. Erzählt Ihr uns von ihr?“

Abba nickte und erzählte diese Geschichte:

„Bevor das Volk die Felder bestellte, aß es nichts als das Fleisch der wilden Tiere. Eines Morgens gingen die Jäger auf die Jagd und fanden keine wilden Tiere. Und so sagte der Häuptling zu seinem Volk: ‚Wir haben alle Tiere getötet und nun nichts mehr zu essen. Wir müssen diesen Ort hier verlassen und anderswo neue Tiere finden.‘

Und so geschah es, dass das Volk seine Sachen packte und auf der Suche nach Nahrung zu wandern begann. Unter diesen Wanderern befand sich auch Orsa, die vom Volk gemieden wurde. Sie mieden sie, weil sie fett war und ihr Anblick unschön.

Eines Tages kam das Volk an den Fuß eines hohen Berges. Und sie begannen ein Wehklagen: ‚Wir sind so hungrig! Wenn wir nicht bald essen, werden wir sicher sterben. Wir können diesen Berg nicht ohne Nahrung erklimmen!‘

Als sie das hörte, trat Orsa vor und sprach: ‚Brüder und Schwestern des Volkes, ihr habt mich gemieden, doch ich liebe euch dennoch. Kommt und trinkt aus meiner linken Brust, damit ihr die Kraft habt, den Berg zu erklimmen.‘ Das Volk war hocherfreut darüber und trank, bis es satt war. Mit dem Bauch voller Milch erklomm das Volk den Berg und kam nicht ums Leben. Und dennoch behandelten sie Orsa weiterhin schlecht.

Tage vergingen, und dann kam das Volk an einen Fluss. Erneut begann ein Wehklagen: ‚Wir sind so hungrig! Wenn wir nicht bald essen, werden wir sicher sterben. Wir können diesen Fluss nicht ohne Nahrung überwinden!‘

Also sprach Orsa: ‚Noch immer meidet ihr mich, aber noch immer liebe ich euch. Kommt und trinkt aus meiner rechten Brust, damit ihr die Kraft habt, den Fluss zu überwinden.‘ Und abermals trank das Volk, bis es satt war. Sie schwammen durch den Fluss, und nicht einer von ihnen kam ums Leben. Und auch nach diesem Ereignis mied das Volk Orsa und ließ sie nicht an seiner Gesellschaft teilhaben.

Mehr Zeit verging, und das Volk erreichte den Rand einer großen Wüste. Erneut wehklagte das Volk: ‚Wir sind so hungrig! Wenn wir nicht bald essen, werden wir sicher sterben. Wir können diese Wüste nicht ohne Nahrung durchqueren!‘

Das Volk wandte sich hilfesuchend an Orsa. ‚Möchtest du uns nicht erneut füttern, fette Frau?‘, fragte das Volk.

‚Das kann ich nicht‘, sagte Orsa. ‚Ihr habt am Fuß des Berges aus meiner linken Brust getrunken, und am Ufer des Flusses von meiner rechten Brust. Ich habe keine Milch mehr für euch.‘

Das Volk war darüber zutiefst erschüttert und fiel weinend auf die Knie.

In dieser Nacht betete Orsa zu den Sternen und sagte: ‚Oh Sterne, was soll ich nur tun? Ich habe keine Milch mehr für mein Volk. Ohne Nahrung werden wir sicher ums Leben kommen.‘

Die Sterne antworteten ihr und sprachen: ‚Orsa. Warum weinst du um dein Volk? Meidet es dich denn nicht, macht es denn nicht grausame Witze auf deine Kosten? Dir wäre doch sicher besser gedient, wenn sie stürben und dir der Schmerz erspart bliebe, mit ihnen zu leben.‘

‚Nein‘, sagte Orsa. ‚Ich habe keinen Ehemann, weil ich fett bin und mein Anblick unschön. Ich habe keine eigenen Kinder. Dieses Volk ist zu meinen Kindern geworden, und ich muss mich um sie kümmern.‘

Und so erbarmten sich die Sterne ihrer. ‚Orsa, wir werden dir helfen, dich um das Volk zu kümmern, und wir werden dir viele Kinder geben, aber du musst uns etwas versprechen.‘

‚Alles!‘, rief Orsa.

Die Sterne sprachen: ‚Wenn jemand aus dem Volk dich schlecht behandelt, und sei es auch nur einen Augenblick lang, dann musst du ihn schlagen. Sie dürfen nie vergessen, dass sie dich gut behandeln müssen.‘

‚Ich verspreche, das zu tun‘, sagte Orsa.

Und so woben die Sterne ihre stärkste Magie und verwandelten Orsa in eine dicke, fette Biene. Das Volk lernte, den Honig aus ihrem Stock zu essen, und überlebte so die Reise durch die Wüste hin zu seiner neuen Heimat. Aber die Fette Mutter hielt ihr Versprechen. Wenn das Volk sie schlecht behandelte, stachen Orsa und ihre vielen Kinder sie, um sie daran zu erinnern, welches Glück sie gehabt hatten. Und so ist es auch bei uns.“

Als Abba seine Geschichte beendet hatte, lächelten die Kinder breit und baten Abba um eine große Portion Honig von der Fetten Mutter.