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Diese Seite enthält die Schrift Verlorene Geschichten des berühmten Forschers (Originaltitel: Lost Tales of the Famed Explorer).
Inhalt
Fragment I
„Nur drei“, protestierte Matius. Drei war kaum ein Erkundungstrupp, geschweige denn eine angemessene Expeditionsgruppe. „Mir wurden mindestens neun versprochen.“
Tana legte ihre Füße lautstark auf ihren Schreibtisch. „Mehr kann ich nicht tun, Matius. Euer Name hat nicht mehr die Bedeutung von einst.“
Matius wusste, dass das stimmte, aber das war das erste Mal, dass einer seiner Freunde das laut aussprach. Ihm fiel auf, wie kalt Tana ihm gegenüber geworden war, seit er ihr gesagt hatte, dass er seine Mission fortsetzen möchte. Zehn Jahre zuvor war er der Leiter einer vom Kaiserreich sanktionierten Exkursion gewesen, im Zuge derer man Schwarzmarsch ausführlich kartografieren wollte. Die Grenzen waren gut genug beschrieben gewesen, aber es gab kaum verlässliche Informationen über das Herz des Sumpfes. Auch die etablierten Beschreibungen, mit denen das Kaiserreich seine Bürger versorgte, waren nur zusammengeflickte Erzählungen aus zahlreichen fragwürdigen Quellen.
Das Unternehmen galt als Fehlschlag. Seine Leute wurden im Lauf der Expedition immer weniger, sei es durch Tod oder Fahnenflucht. Tana war die einzige, die bei ihm geblieben war, aber sie zog sich eine Krankheit zu, die sie fiebrig machte, und sie konnte sich nicht mehr an die letzten Tage ihrer Reise erinnern.
Und so geschah es, dass sich Matius bei seiner Rückkehr ans Kolleg, wo er von verlorenen Städten und uralten Zivilisationen erzählte, mit dem Rücken zu einer Wand der Skepsis wiederfand; schließlich gab es niemanden, der seine Behauptungen bezeugen konnte. Danach war seine Beziehung zu Tana nie mehr wie früher. Die Marsch hatte sie beide verändert, und die Nachwehen waren ebenfalls nicht einfach gewesen. Er hatte gehofft, dass sie die alten Wunden heilen und gemeinsam zurückkehren könnten, aber Tana lehnte dies kategorisch ab und sagte, dass sie nie mehr nach Schwarzmarsch zurückkehren würde. Sie bot ihm ihre Unterstützung beim Zusammenstellen einer Mannschaft an, und Matius wusste, dass er dankbar sein sollte, dass ihm überhaupt jemand hilft.
„Sagt mir zumindest, dass sie erfahren sind.“ Darauf hoffte er, wenn auch auf wenig sonst.
„Ihr habt Glück“, meinte Tana, während sie ein paar Papiere durchsah. „Nun, vorausgesetzt, Ihr versteht Euch gut mit Hochelfen. Sie ist eine Kampfmagierin, also werdet Ihr es schon hinbekommen. Ihr Name ist Salara. Nie von ihr gehört.“
Matius hob eine Augenbraue. Es wäre gut, eine so fähige Begleiterin zu haben, aber irgendetwas sagte ihm, dass Vorsicht geboten war. „Warum sollte eine Kampfmagierin mich begleiten wollen?“
Tana zuckte mit den Achseln. „Soweit ich das beurteilen kann, handelt es sich hierbei um keine sanktionierte Mission. Meine Kontakte wissen auch nichts über sie. Vielleicht hat sie ja ihre eigenen Gründe. In diesem Fall können wir nicht wirklich wählerisch sein.“
Matius nickte. Diese Elfin würde er im Auge behalten müssen. „Und die anderen?“
„Riffen, ein entlaufener Sklave. Er ist ein junger Nord, aber sehr motiviert. Ihr wisst, wie wichtig das sein wird. Bevor Ihr Einwände bringt, er kann lesen und schreiben und auch ein wenig jagen und sammeln. Schließlich hat er bisher alleine überlebt. Gebt Ihm eine Chance.“
Zwei zusätzliche Hände waren nie verkehrt, und die Mannschaft war ohnehin so klein, dass der Junge nicht im Weg herumstehen würde. Trotzdem war Matius nicht wohl bei dem Gedanken, wie beschwerlich die Reise für jemanden sein würde, der nicht darauf vorbereitet war. „Und der Dritte? Ihr habt noch keinen Ortskundigen erwähnt. Ohne einen willigen Argonier kommen wir nicht weit. Zumindest daran erinnert Ihr Euch doch sicher noch.“ Matius bedauerte den Satz sofort, aber Tana ignorierte ihn.
„Fluss-Kiemen“, sagte sie. „Ein erfahrener argonischer Ortskundiger, wie Ihr ihn wolltet. Es gibt nur einen Haken.“
„Es gibt einen Haken?“, seufzte Matius. „Ihr habt ihm die von mir versprochene Summe angeboten?“
„Habe ich. Lasst mich ausreden.“ Tana hielt inne, augenscheinlich nur, um ihn warten zu lassen. „Fluss-Kiemen führt Euch bis auf halben Weg. Er verspricht, Euch dort jemandem vorzustellen, der Euch in der halben Zeit an Euer Ziel führen kann.“
Eine vernünftige Person würde das bleiben lassen, dachte Matius bei sich, aber er wusste, dass ihm diese Option nicht blieb. Er hatte ein Jahrzehnt auf eine weitere Chance gewartet, so klein sie auch sein mochte. Matius hatte gehört, dass es Stämme im Sumpf gab, die abgeschieden lebten und geheime Wege kannten, und die Vorstellung, mit diesen gefahrlos in Kontakt treten zu können, reichte aus, um ihm Mut zu geben.
„Nun gut“, sagte Matius. „Danke, Tana.“ Er drehte sich um und wollte gehen, hielt aber vor der Türe inne. „Und ich kann wirklich nichts tun, damit Ihr mitkommt? Wir sollten das gemeinsam tun.“
„Wie schon gesagt. Ich kehre nicht für all das Geld in der bekannten Welt nach Schwarzmarsch zurück, Matius. Und ich wünschte, es gäbe etwas, womit ich Euch zum Bleiben bringen könnte.“
Fragment II
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, als sie endlich eine Lichtung erreichten, auf der man ein Lager aufschlagen konnte. Sie könnten weiterziehen, aber schon so manche Expedition ging verloren, weil man meinte, man könnte den letzten Sonnenstrahlen hinterherlaufen. Früh am Morgen reiste es sich am besten. Der Sumpf war in der ersten Dämmerung noch schläfrig und voll. Matius machte sich daran, alles Nötige für ein Feuer zu sammeln, und achtete dabei darauf, in der Nähe seiner Gefährten zu bleiben. Er entschloss sich, auch Stöcke und Farne zu suchen. Mit ihnen könnte man das Licht verbergen. Matius wusste, dass sich das so tief im Marsch definitiv empfahl. Er entschied sich, seinen neuen Gefährten nichts davon zu erzählen, die ohnehin schon gleichermaßen müde wie gelangweilt waren.
„Angeblich hatten die alten Argonier goldene Schuppen, mit denen sie niedere Menschen und Mer blenden konnten.“ Matius hoffte, dass es die Moral heben würde, wenn er die Mannschaft daran erinnerte, wie wichtig ihre Mission war. Und die ausgeschmückte Version war immer besser für Erzählungen am Lagerfeuer geeignet. „Sie bauten ihre größte Stadt höher und höher, bis sie die Sonne erreichte.“
„Und was ist dann passiert?“, fragte der junge Riffen.
Matius musste zugeben, dass er die ständige Wissbegier des jungen Mannes genoss. Er hielt seine Antwort absichtlich zurück, in der Hoffnung, dass Fluss-Kiemen seine eigene geben würde. Alles, was Matius über diese Legenden wusste, war das Werk anderer kaiserlicher Forscher und Gelehrter. Er hatte es nie geschafft, dass ein Argonier ihm etwas darüber erzählt hätte.
Fluss-Kiemen aalte sich einfach nur in der Sonne, als würde er überhaupt nicht zuhören. Soweit Matius das beurteilen konnte, schlief der Argonier.
„Manche sagen, dass die Sonne ihr Untergang war“, fuhr Matius fort, während er ein Bündel Äste fallenließ. „Andere sagen, dass sie sie aufbrachen wie ein Ei und zu Göttern wurden.“
Die Elfin Salara meinte abfällig: „Das ist doch lächerlich. Jeder weiß, dass die Sonne kein Ei ist.“ Bisher wusste Matius kaum mehr über die Kampfmagierin, als dass sie vollkommen überzeugt war von ihren eigenen Vorstellungen, in denen er zum Großteil die Lehren der Gilde wiedererkannte.
„Was denn dann?“, fragte Riffen.
„Ein Loch.“
Riffen rümpfte die Nase und schaute in den Himmel. „Das soll ein Loch sein?“
„Schau nicht direkt hinein“, seufzte Matius.
„Ihr glaubt wohl nicht an die goldene Stadt, Salara?“, fragte Riffen. „Ein Segler meinte, es sei nur eine Legende.“
„Sie muss sich selbst überzeugen“, warf Matius ein. Salara wollte nicht damit rausrücken, warum sie der Expedition beigetreten war, also musste er raten.
Salara wandte sich von ihnen ab und starrte in die Büsche. Sie zog einen kaputten Kompass heraus und drücke ihn an sich.
„Ich gehe davon aus, dass man noch immer etwas von Wert lernen kann“, antwortete Salara. „Auch wenn nichts von dem wahr ist, woran sie glaubten.“
Fluss-Kiemen öffnete seinen Augen.
Fragment III
Drei Tage lang reisten sie über das Wasser, und nachts zeigte Fluss-Kiemen ihnen, wo man sicher Halt machen und sich ausruhen konnte.
Am ersten Tag ließ Fluss-Kiemen sie mehrere Stunden unter einem Felsvorsprung am Flussufer Rast machen, ohne ihnen den Grund dafür zu verraten. Matius verbrachte die Zeit damit, Riffen etwas über die seltsamen Pflanzen und Tiere beizubringen, die den Sumpf bewohnten. Er interessierte sich deutlich mehr für die, die er nicht kannte, aber er wollte sich nicht von Gedanken darüber ablenken lassen, wie er sie wohl einfangen und untersuchen könnte. Es gab Vögel in den buntesten Farben, Riesenkäfer mit Panzern so groß wie Felsbrocken, und schuppige Hunde, die in Rudeln umherzogen und sich an den Kadavern grauer Giganten labten. Matius fielen keine Namen für diese Tiere ein.
Als sie ihre Reise fortsetzten, brach bereits die Nacht an. Fluss-Kiemen versicherte ihnen, dass dies die richtige Zeit war, um zu reisen, so sehr der Rest der Gruppe auch protestierte. Matius entschied, dem argonischen Ortskundigen zu vertrauen, also ging es weiter den Fluss hinunter. Sogar Salara starrte mit ihnen in den Sumpf, der jetzt von seltsamen leuchtenden Quallen erhellt wurde, die traurig durch die Bäume flogen.
Am zweiten Tag entdeckte Riffen etwas, und er machte sie darauf aufmerksam. „Schaut!“
Salara keuchte. Matius drehte sich um und war ebenfalls so sprachlos wie die anderen. Aus dem Sumpf ragten gewaltige Flügel aus Metall, wie die Flügel einer Motte. Sogar durch das Moos und den Morast konnte Matius die zwei Kuppeln mehrlagig gestalteter Augen sehen. Er fragte sich, wie grandios so etwas wohl ganz ausgesehen haben musste, was auch immer es gewesen war.
Fluss-Kiemen wandte seinen Blick nicht vom verschlungenen Fluss vor ihnen ab. Die Flossen an seinem Kopf vibrierten so schnell, dass sie leise summten.
„Wir müssen anhalten. Ich muss mir das ansehen.“ Salaras Stimme zitterte. Sie streckte eine Hand aus in Richtung von Fluss-Kiemen.
„Wir können nicht anhalten“, sagte Fluss-Kiemen geduldig. „Wir werden seit einiger Zeit von einem Leviathan verfolgt.“
Salara hielt nur kurz inne, bevor sie vom Floß sprang, was dazu führte, dass der Rest aufpassen musste, nicht in den Sumpf zu stürzen.
„Salara!“, rief Matius, während er versuchte, sein Gewicht zu verlagern und das Floß wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Macht langsamer, Fluss-Kiemen.“
„Wir können nicht anhalten“, erwiderte Fluss-Kiemen.
Salara bewegte sich so schnell sie konnte durch den Morast und ignorierte die Rufe der Mannschaft. Sie warf ihren Umhang ab, damit sie sich besser bewegen konnte. Sie schritt mit wedelnden Armen und lautem Platschen in Richtung der seltsamen Motte.
„Salara! Kommt zurück!“, rief Riffen.
Ihre Schritte wurden langsamer; das Moor behinderte sie enorm. Sie hielt inne und flüsterte Worte der Macht, von denen Matius annahm, dass sie ihr beim Gehen helfen sollten. Er sah, dass sie einen kaputten Kompass in der Hand hielt.
Auf einen Schlag war es, als würde der Sumpf selbst sie hinunterzerren und verschlingen. Sie verschwand ohne einen Mucks und tauchte nie wieder auf. Matius sah gerade noch so eine gewaltige Gestalt durch das Wasser schwimmen, und ihm fiel auf, dass sogar die Insekten verstummt waren.
Salaras Umhang trieb träge auf dem Morast, und nur die Brosche ihres Ordens erzählte noch von ihrer Geschichte.
„Wir können nicht anhalten“, sagte Fluss-Kiemen.
Niemand widersprach ihm. Genau gesagt sprachen sie an diesem Tag überhaupt nicht mehr. Nachts schliefen sie in einem Baum, der groß war wie eine Stadt.
Am nächsten Morgen stellte Matius fest, dass Riffen verschwunden war. Er hatte eine Nachricht hinterlassen, in der stand, er habe vom Baum aus die Fackeln einer nahen Siedlung gesehen und wolle nachsehen, ob man ihm dort zurück in die Zivilisation helfen könne. Er entschuldigte sich dafür, dass er sie im Stich ließ. Matius wusste, dass der junge Mann bereits tot war. Fluss-Kiemen antwortete nicht, als Matius ihm sagte, dass sie nun zu zweit seien.
Von diesem Tag an ging es endlich wieder zu Fuß weiter, und obwohl das Gelände unwegsam war, stellte Matius fest, dass er das Gehen bevorzugte. Dennoch wurden seine Gedanken während der Reise geplagt von Erinnerungen an seine letzte Expedition. Fluss-Kiemen wollte ihn nicht weiter führen, und Matius wusste nicht, was er von seinem Nachfolger zu erwarten hatte. Er erinnerte sich daran, wie es sich anfühlte, in Schwarzmarsch allein und voller Angst zu sein.
In der dritten Nacht fuhr Fluss-Kiemen seine Flossen aus und zischte. Er schickte Matius in eine sichere Höhle.
Fluss-Kiemen blieb draußen stehen, und den Rest der Nacht fand Matius keinen Schlaf. Er war sich sicher, die ganze Nacht über Gesänge und das Zischen von Schlangen zu hören. Am Morgen tauchte der Argonier wieder auf, als wäre nichts gewesen.
„N'buta empfängt Euch jetzt“, sagte Fluss-Kiemen, und dann verließ er ihn für immer.
Fragment IV
Gluup Gluup.
Wieder dieses Geräusch. Matius wedelte mit seiner Fackel herum, aber ohne Erfolg. Im Zwielicht des stickigen Nebels konnte er rein gar nichts sehen. Er hielt sich mit seiner freien Hand den Umhang vor den Mund und lief tiefer in die Höhle hinein.
Gluup Gluup.
Da sah er den Schatten der Kreatur, gewaltig und knollenförmig. Sie folgte ihm. Er rang nach Atem und lief immer weiter.
Gluup Gluup.
Er hörte kehliges Lachen, das von den Wänden widerhallte. Immer und immer wieder, bis Matius meinte, er verliere den Verstand, und dann hörte er das Knirschen von Knochen unter seinen Füßen. Der Nebel lichtete sich, und er fand sich in einer Kammer wieder, die mit Schädeln in allen Formen und Größen gesäumt war. Der Boden war übersät mit den Knochen von Dingen, die er nicht einmal erkannte. Er dachte an die üblen Voriplasmen, die angeblich Menschen in einem Stück verschlangen und ihre Knochen wieder ausspuckten. „Das ist dann wohl mein Ende“, hauchte er. Er hätte wissen müssen, dass der Argonier log.
Gluup.
Matius spürte, wie sich die Luft in der Kammer veränderte. Ein Gestank ereilte ihn, der so übel war, dass ihm die Nasenlöcher brannten.
Eine bellende Stimme ertönte. „Wieder kommt ein Fleischling zu N'buta? Sprich, bevor ich verschlinge.“
Im Halbdunkel der Fackel konnte Matius die Gestalt der grotesken Kreatur gerade noch so erkennen. Das war kein Plasma, obwohl es vor widerlicher Feuchtigkeit glitzerte. Es handelte sich um eine Art Riesenkröte mit mächtigem Bauch und einem zusammengedrückten, schneckenähnlichen Gesicht. Am schlimmsten waren die Augen, in denen Matius verbotenes Wissen und grenzenlosen Schrecken sah. Er machte sich innerlich bereit, als die Kehle der Kreatur sich aufblähte. Schließlich war verbotenes Wissen ja der Grund, warum er an diesen verfallenen Ort gekommen war. Die Kreatur schluckte, und plötzlich baute sie sich vor ihm auf. Ekelerregende Dämpfe stiegen aus ihren Nasenlöchern empor.
„Ich suche den Weg zur goldenen Treppe“, würgte Matius heraus. Er war stolz darauf, dass er seine Stimme noch unter Kontrolle hatte.
Die Kreatur zog ihren Kopf zurück, und entweder würgte oder lachte sie. Anschließend rülpste sie, das war Matius klar, denn er verlor fast das Bewusstsein.
„Den zeige ich dir“, quakte das Schneckenwesen. „Kostet aber etwas.“
„Natürlich, werter Fürst des Morasts“, sagte Matius und wünschte sich, er hätte es nicht getan. Er wusste, dass er dieses Ding nicht mit Schmeichelei besänftigen konnte. Am besten einfach beim Geschäft bleiben. „Was wird mich diese Information kosten?“
Fette Arme griffen in eine Tasche. Matius war nicht einmal aufgefallen, dass die Kreatur zerfledderte Roben in Grün und Braun trug. Feuchte Stummelfinger zogen einen funkelnden gelben Edelstein hervor, der in ein verziertes goldenes Amulett eingelassen war. Er war makellos und schimmerte, aber Matius waren verfluchte Relikte und seltsame Edelsteine nicht fremd. Er zog sein Schwert und wartete. Sein Herz raste, und er wusste nicht, ob aus Angst oder vor Aufregung. War dies ein Relikt des alten Argoniens? Das Kinn der Kreatur schwabbelte grotesk, als sie lachte.
Sie zog das Amulett über den gehörnten Schädel einer uralten Bestie und ließ es dort hängen. Es schimmerte im Fackellicht. „Bring das für N'buta in die goldene Stadt. Dann sind wir quitt.“
Matius runzelte die Stirn. „Und was mache ich dann damit, wenn ich dort bin?“
„Wirst du wissen“, flüsterte N'buta. Als die Worte in sein Ohr tropften, stellten sich Matius die Nackenhaare auf. „Kurz bevor du stirbst.“
Einen Augenblick dachte Matius, dass das Gesicht der Kreatur direkt neben seinem war, aber dann blinzelte er und stellte fest, dass sie sich nicht bewegt hatte. „Zeigt mir den Weg“, brachte er heraus.
„Von hier aus geht es nicht“, sagte der Fürst des Morasts. „Du musst hinab zu den Wurzeln-im-Wasser, hinunter und herum und zwischen Orten, die nicht einmal deine Götter kennen.“ Matius brachte keine Antwort hervor, als die Kreatur rülpste und fertig sprach. „Ich bringe dich bis nach Xul-Axith.“
Matius atmete trotz des Gestanks ein, und er steckte seine Klinge weg. Er trat nach vorne und hob das goldene Amulett auf. Es fühlte sich warm an. „Ich habe nicht vor zu sterben“, sagte er und legte das Amulett in seinen Rucksack. „Ich hoffe, dass Euch das nicht zu sehr enttäuscht.“
Das rülpsende Gelächter der Kreatur hallte durch den Raum, und schließlich fand Matius sich alleine wieder, das Licht seiner Fackel fast schon erloschen.
Fragment V
Matius würgte, entweder aufgrund des Gestanks seines Reisegefährten oder weil er schon wieder verkehrt herum durch Schwarzmarsch geschleift wurde.
Das Schneckenwesen N'buta lachte. „Jetzt verstehst du, kleiner Fleischling. Dieses Reich ist tiefer, als es breit ist.“
Matius verstand rein gar nichts. Sie waren jetzt schon das dritte Mal in den Fluss eingedrungen, wie N'buta es nannte, und nach jeder Reise war er nur noch desorientierter. Dieses letzte Mal hätte er schwören können, dass er sich selbst beim Ertrinken zugesehen hatte.
„Es kam mir vor, als würde ich träumen“, sagte Matius. Er hustete einen Mundvoll klebriges Wasser hoch.
„Hast du auch getan.“
Der Fürst des Morasts sagte nichts weiter und zeigte mit einem dicken Finger in die Ferne. Matius folgte dem Fingerzeig und sah einen schwarzen Steinbogen über einem deutlich erkennbaren Weg durch den umliegenden Sumpf. In den Bogen waren Bilder von Schlangen und Wurzeln eingehauen, die sich umeinander wanden, und an seiner Spitze saß ein Schädel mit einer gespaltenen Zunge. Ihm wurde klar, dass er von nun an seine Reise allein fortsetzen musste und sein Führer ihm wohl nicht mehr helfen würde. Sie hatten die Tore von Xul-Axith erreicht. Er befürchtete, dass das vielleicht nicht nahe genug war.
Matius hatte eine Idee. Er zog das goldene Amulett heraus, das N'buta ihm gegeben hatte. „Ihr habt Euer Wort gehalten, Fürst des Morasts“, sagte Matius. „Und ich werde das meine halten. Ich werde dafür sorgen, dass dieser Edelstein in die goldene Stadt zurückkehrt, wenn ich je meinen Weg finde.“
N'buta gurgelte und knurrte. Seine seltsamen Augen betrachteten einen Augenblick das Amulett. „Bleib auf dem Weg, bis du einen Tempel siehst, aus dem Schatten sickern. Ein Ort des Todes. Betritt ihn nicht. Wenn du vor ihm stehst, finde die Sonne im Himmel und gehe dort lang. Wenn du am Ziel bist, weißt du es.“
Matius wollte seinen Unmut kundtun, aber der Fürst des Morasts schlängelte sich plötzlich wieder zurück in den Fluss und war verschwunden. Einen Augenblick war Matius von Panik ergriffen. Seine Gefährten hatten ihn einer nach dem anderen im Stich gelassen, und plötzlich fragte er sich, ob sie nicht vielleicht doch Recht gehabt hatten. Eine Sekunde lang überlegte er, ob er die Mission nicht abbrechen sollte, aber dann wurde ihm klar, dass der einzige Weg nach vorne der aus schwarzem Stein war. Der Fluss war unter seinen Füßen ausgetrocknet.
Matius nahm all seinen Mut zusammen. Das Amulett lag warm in seiner Hand. Er ging unter dem Bogen hindurch auf den Weg.
Fragment VI
Dann schritt der uralte Argonier auf Matius zu und kreischte etwas in einer gutturalen Sprache. Er war zwei Köpfe größer als der durchschnittliche Saxhleel, und er trug goldene Schuppen, bunte Federn in Rot und Lila und Grün sowie zwei große, gebogene Hörner. Über seinem Kopf war eine Maske aus Gold, die einen Vogel darstellte. Er war gewandet in eine gefiederte Robe und goldene Armreife, und wenn er seine Arme ausbreitete, sah es aus, als hätte er Flügel. Matius konnte kaum erkennen, wo die Kreatur aufhörte und der Schmuck anfing.
Er hatte auch keine Zeit, lang darüber zu sinnieren, denn der goldene Schrecken schlug mit bemalten Krallen nach ihm und brüllte einen Fluch, von dem Matius nur drei Wörter übersetzen konnte: Sonne, Feuer, Tod.
Matius taumelte zurück und schaffte es angesichts des Ansturms der Kreatur nicht, sein Schwert zu ziehen. Sie krallte verzweifelt nach dem gelben Juwel um seinen Hals. Matius fiel rücklings um und konnte gerade noch sein Schwert ziehen, als die Vogel-Echse sich kreischend auf ihn stürzte. Er stach mit einer Hand blind auf das Wesen ein, während er ihm die andere gegen die Kehle drückte im verzweifelten Versuch, den zerfetzenden Krallen zu entkommen. Immer und immer wieder schlug die Kreatur in Richtung des Amuletts, als wollte sie es ihm vom Hals schlagen.
Matius hörte, wie der Edelstein zerbrach. Gelber Staub verteilte sich in der Luft.
Da hielt der Argonier plötzlich inne, und Matius war erleichtert, dass er die Bestie endlich getötet hatte. Sein Arm war müde.
Plötzlich bewegte sich die Kreatur wieder mit atemberaubender Geschwindigkeit. Krallenbewehrte Hände schnellten nach vorn und griffen sein Gesicht. Er rechnete schon damit, jeden Augenblick sein Genick brechen zu hören, aber das Wesen hielt ihn nur fest in seinem stahlharten Griff. Die goldene Maske rutschte von einer Seite des Gesichts der Kreatur.
Jetzt sah er keinen Vogel mehr und auch keine Echse, sondern eine Schlange. Und er sah, dass die Schuppen nicht golden waren, sondern nur golden bemalt, und dass die Maske die Farbe abgekratzt hatte. Die Schuppen waren schwarz und weiß und fleckig, und sie fielen ab wie von einem toten Wesen. Die Augen der Kreatur waren leere Höhlen, aber der Staub füllte sie nach und nach, bis sie gelb waren.
Erfüllt von Angst oder Mut bohrte Matius einmal mehr sein Schwert in die Schlange. Gleichzeitig fiel die goldene Maske mit einem Scheppern zu Boden. Sie war innen mit Blut beschmiert, und Matius sah, wie das Gesicht der Schlange sich immer und immer wieder veränderte. Zwölf Mal veränderte es sich, bevor es wieder das einer Schlange war.
Er hatte vergessen, dass er die Kreatur töten wollte, vergessen, dass er um sein Leben kämpfen musste, er hatte sogar vergessen, warum er überhaupt nach Schwarzmarsch gekommen war. Matius' Welt war jetzt noch nur von Schrecken erfüllt.
Erst fiel er, und dann flog er. Seine Welt flog ihm in Windeseile entgegen, so voller Feuer und Ruhm und Wahnsinn. Dann fühlte er Wind unter seinen Flügeln, von denen er gar nichts gewusst hatte, und er schwebte empor. Er flog über Städte aus Gold und über Städte aus schwarzem Stein. Sie waren endlos, genau wie die Hist, in deren Umarmung sie lagen. Der Himmel brannte, und die Sonne war eine Grube. Noch immer flog er, denn zu mehr als sich von den Winden tragen zu lassen, fehlte ihm die Kraft.
Er kam zu einem gewaltigen Turm. Dieser war hoch und gigantisch, und viele Bäume wuschen aus seinen zahlreichen sumpfigen Ebenen, und Kreaturen lebten und starben, ohne je eine Welt außerhalb des Turms gekannt zu haben. Ganz oben stand der Baum, der Feuer blutete. Andere geflügelte Wesen, die aussehen wie Matius, umkreisten den Turm. Sie schrien Worte, die er verstand, aber nicht kannte. Er spürte eine große Traurigkeit, und der Turm fiel weg von ihm.
Er schaute nach oben und sah andere Welten und andere Türme. Sie waren Räder, die sich drehten und ineinander krachten, und ihre Speichen verhedderten sich und sie zerbrachen einander. Und er sah, dass seine Welt ebenfalls zerbrach, aber schnell wie eine Schlange war da ein Schatten, der heraneilte und die Wurzeln des Turms verschlang, damit sie nicht zerbrachen.
Und noch immer flog er. Dann waren da nur noch Feuer und Dunkelheit, und so viel Lärm, aber er war zu müde, um Angst zu spüren. Und so schlief Matius, und es trieb ihn hinweg in einer schwarze Sonne.