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Diese Seite enthält die Schrift Nahlias Tagebuch (Originaltitel: Nahlia's Journal).
Inhalt
Band I
Kaum zu glauben, dass es endlich vollbracht ist! Ich bin offiziell eine Ritterin des Lampenordens! Von nun an werde ich der Magiergilde auf die Weise dienen, die am besten zu mir passt, als Jüngerin. Natürlich wäre es Vater lieber gewesen, wenn ich bei den Adepten in ihren Klassenzimmern geblieben wäre, aber ich verstand Schwerter schon immer besser als Zauberei.
Ich habe bereits meinen ersten Auftrag erhalten: Ich werde morgen bei Sonnenaufgang eine kleine Gruppe von Adepten in eine Ayleïdenruine begleiten. Das sollte recht ereignislos vonstatten gehen. Sie studieren einfach nur ein paar Runen in der Nähe des Eingangs der Anlage. Wie gefährlich kann das schon sein?
* * *
Die Gilde traut mir wohl noch nicht zu, die Adepten allein beschützen zu können. Auf dieser Reise begleitet uns ein weiterer Jünger, ein Dunkelelf namens Llaren. Er ist nicht deutlich erfahrener als ich, vielleicht eine Saison vor meiner Klasse. Vermutlich sind wir beide nur Setzlinge im großen Plan der Dinge.
Zumindest ist er ein angenehmerer Gesprächspartner als die Magier dieser Gruppe. Vielleicht liegt es daran, dass ich früher einmal eine von ihnen war, aber ich spüre, dass sie uns für überflüssig halten. Dass sie nur ihre Magie brauchen und nichts mehr. Ich weiß, dass die meisten von ihnen sich vermutlich verteidigen könnten, wenn es darauf ankäme, aber Magie kann ausgehen. Solange ich die Kraft habe, mein Schwert zu schwingen, weiß ich, dass ich mich darauf verlassen kann.
Ich glaube, wir nähern uns unserem Ziel. Die Adepten werden langsam munterer und meine müden Füße sagen mir, dass wir jetzt schon eine ganze Weile unterwegs sind. Ich freue mich darauf, eine Pause zu machen, während die Magier ihre Runen studieren oder was sie sonst so im Schilde führen.
Band II
Y'ffre sei Dank für Llaren! Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne ihn noch am Leben wäre.
Oh, Moment, eins nach dem anderen. Ich sollte ganz am Anfang beginnen, sonst ergibt das später keinen Sinn. Ich war nie jemand, die alles genau dokumentieren muss, aber das hier ist wichtig.
Nach unserer Ankunft bei der Ruine war es eine Weile ruhig. Die Stätte befindet sich in einem malerischen Teil von Colovia, der gemeinhin nicht als gefährlich gilt. Jüngerin Llaren und ich wechselten uns bei der Streife um unser Lager ab, aber das kam mir übertrieben vor. Die Adepten waren bei einer Reihe uralter Türen, die in die Ruine führten, wo sie die in die Türen eingelassenen Runen mit ihren eigenen Aufzeichnungen abglichen und sich Notizen machten. Ich wollte Llaren gerade vorschlagen, eine Pause zu machen, als einer der Adepten schrie.
Ich weiß nicht wie oder warum, aber sie hatten die Türen geöffnet. Das war nicht der Plan gewesen, aber selbst das wäre noch kein Problem gewesen, wenn nicht ein wütender Goblinstamm aus den Ruinen herausgeströmt wäre. Bei Y'ffres Bart, ich hatte noch nie eine derart wütende Horde gesehen. Ich wäre wohl auch sauer, wenn eine Gruppe Fremder plötzlich in mein Zuhause platzt.
Die Adepten fingen schnell an, sich mit Zaubern zu verteidigen, und sie klammerten ihre Aufzeichnungen an sich, während sie sich zurückzogen. Llaren war schneller als ein Wolf auf der Jagd und warf sich zwischen die Adepten und die Goblins; seine Klinge blitzte, während er sich bewegte. Bevor ich mich versah, stand ich neben ihm im Getümmel. Meine Ausbildung als Jüngerin muss mich wirklich geprägt haben, da mein Körper reagierte, bevor mein Geist mithalten konnte.
So kämpften wir eine Weile und Llaren und ich deckten einander nahtlos, während wir eine Pufferzone zwischen Goblins und Adepten schufen. Zum Glück waren es nicht sonderlich viele und es schien, dass sie sich wieder ein Stück weit in die Ruine zurückzogen.
Ich drehte mich, um zu überprüfen, ob alle Adepten es sicher aus dem Kampfgebiet geschafft hatten. Als ich abgelenkt war, nutzte ein wagemutiger Goblin die Gelegenheit, um mich an den Fußgelenken zu erwischen und mich zu Boden zu stoßen.
Regel Nummer eins der Jüngerausbildung ist es, mit den Füßen auf dem Schlachtfeld zu bleiben. Ich war erledigt. Getötet bei meinem ersten Auftrag und das noch dazu von einem verflixten Goblin!
Da wurde mir klar, dass ich lange genug am Boden gelegen war, um all diese Gedanken zu haben, und noch immer nicht gestorben war. Dann sah ich Llaren, wie er mit vor Konzentration verzerrter Miene die Meute Goblins im Alleingang zurückhielt. Sein Gesicht war geschunden und blutig. Er steckte freiwillig Treffer ein, um mich am Boden zu beschützen!
Der Anblick allein reichte, um mich aufzurütteln. Ich sprang hoch, mein Schwert bereit. Aber als ich mich erhob, fühlte sich etwas anders an. Da war ein Zwicken in meinem Bauch, ein Kitzeln in meinen Fingerspitzen. Dieses Gefühl hatte ich schon zuvor gehabt, wenngleich nur selten, in den Klassenzimmern der Magiergilde. Es war Magie, die durch mich floss und verlangte, freigelassen zu werden.
Ich leistete keinen Widerstand. Meine Hände hoben sich und ich kanalisierte die Energie nach draußen, in das einzige magische Element, das ich je beherrscht habe. In ein Portal.
Die anderen Adepten zögerten nicht. Die Goblins gaben nicht nach, also war ihre Forschung fürs Erste eindeutig beendet. Sie sprangen durch das Portal, von dem ich wusste, dass es sie nach Hause bringen würde. Llaren kämpfte noch immer und sein Atem wurde langsam zu einem Ringen nach Luft.
Ich rief nach ihm, und seine Augenbrauen hoben sich überrascht, als er das Portal sah, das ich beschworen hatte. Aber er verstand. Mit einem schnellen Nicken in meine Richtung zog er sich aus dem Scharmützel zurück und warf sich Kopf voran in das Portal. Ich folgte ihm auf den Fuß und unterbrach meine magische Kanalisierung, als ich hindurchfiel. Als Letztes hörte ich die erzürnten Schreie der Goblins, als ihre Beute sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedete.
* * *
Ich weiß nicht ganz, wie ich meinen Eltern von diesem ersten Auftrag erzählen soll. Sie werden stolz darauf sein, dass ich der Gilde gut gedient und die Adepten beschützt habe, aber ich weiß, dass sie sich wünschen, dass ich die Beschützte wäre, nicht die Beschützerin. Dennoch war es unglaublich. Llaren dankte mir für den schnellen Abgang und selbst die Magier schienen beeindruckt davon, wie gut ich mit Portalen umgehen konnte.
Band III
Ich habe einen neuen Auftrag von der Gilde erhalten. Ich werde gemeinsam mit höherstufigen Adepten eine verlassene Burg erkunden. Die Sache könnte gefährlich werden, also wurde ich persönlich für diese Mission auserkoren. Meine Portale sind über die Jahre für die Gilde unersetzlich geworden. Das ist mir eine Ehre.
Außer dass ich mich jetzt mit Juliane herumschlagen muss.
Es ist ja nicht so, dass ich sie nicht mag. Sie ist talentiert und eine der klügsten Adeptinnen, die ich je gesehen habe, aber sie versteht einfach nicht, warum ich mich entschieden habe, eine Jüngerin zu werden, anstatt meine arkanen Studien fortzusetzen. Sie hat keinerlei Respekt vor der Kunst des Schwertkampfes.
Nun ja, dann ruft wohl die Pflicht.
* * *
Die Reise begann recht gewöhnlich. Eine Handvoll Magier, Llaren und ich waren als Wache dabei. Wir fanden die Burg und begaben uns hinein. Der Legende nach hatte der frühere Eigentümer dieser Burg eine Vorliebe für seltene Folianten über Magie, also war das Studierzimmer unser Ziel.
Was die Legende jedoch nicht erwähnte, war die panische Angst des Eigentümers davor, dass ihm jemand seine wertvollen Bücher stehlen könnte. Was wir wohl auch vorhatten, aber bei Y'ffre, was wollen die Toten denn mit Büchern? Auf jeden Fall war der gesamte Ort von oben bis unten mit Fallen gespickt.
Zu Beginn war Juliane gereizt, weil Llaren und ich den Weg für den Rest der Gruppe räumen mussten. Sie wollte so schnell es geht die Bücher in die Finger bekommen und wieder aus dieser bedrückenden Burg heraus.
Sie war der Meinung, das magische Leuchten ihres Stabes sei Licht genug, um ihr alle möglichen Gefahren zu zeigen. Ich rollte mit den Augen, ließ sie aber vorgehen, da sie so sehr darauf bestand. Wir hatten eine Weile die Hallen durchquert, als eine merkwürdig geformte Platte im Boden meine Aufmerksamkeit erweckte.
Bevor ich sie warnen konnte, trat Juliane darauf. Sie ahnte gar nicht, welche Falle sie gerade ausgelöst hatte.
Juliane drehte sich zu mir, und ich wusste, dass sie es nicht von sich aus schaffen würde, auszuweichen. Ohne nachzudenken, riss ich sie zu Boden, gerade noch rechtzeitig, um der gewaltigen schwingenden Klinge zu entwischen, die aus einem versteckten Schlitz in der Wand hinter uns schnellte.
Julianes Gesicht schlug von Empörung um in Entsetzen, als sie sah, wie nah sie der Klinge gekommen war.
Band IV
Juliane schaute mir direkt in die Augen, als ich in diesem staubigen Gang auf ihr lag. „Gut gefangen“, sagte sie nur. Aber im Anschluss ließ sie Llaren und mich immer vorgehen.
Als wir es endlich in das Studierzimmer geschafft hatten (zwei Speergruben, eine Bärenfallen und drei Giftpfeilfallen später), war die gesamte Gruppe mehr als bereit, sich die Bücher zu schnappen und die Sache hinter sich zu bringen.
Das Studierzimmer war stickig, voller Spinnweben und eiskalt. Es kam mir vor wie ein Grabmal. Bücherregale säumten die Wände, voll mit uralten und arkanen Bänden, auf die selbst ich einmal einen Blick werfen wollte. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein hölzerner Schreibtisch, an dem ein Skelett in königlichen Gewändern saß. Die ausgestreckten Hände des Skeletts ruhten auf einem gewaltigen, in Leder gebundenen Folianten, der das Juwel dieser Sammlung darstellte. Zweifelsohne waren es die sterblichen Überreste des ehemaligen Eigentümers der Festung, der selbst im Tod noch über seine Bücher wachte.
Llaren und ich durchsuchten den Raum eilig nach Fallen. Nachdem wir keine fanden, winkten wir die Magier herbei, sich zu nehmen, was sie brauchten. Dennoch fühlte sich irgendetwas nicht richtig an. Warum sollte der Besitzer der Burg nicht eine letzte Verteidigungslinie für seine persönliche Bibliothek haben?
Mein Blick traf sich mit dem von Juliane, die gerade vorsichtig die Bücherregale untersuchte. Wir schauten hinüber zum Schreibtisch, wo eine der neueren Adepten versuchte, den Folianten aus dem knöchernen Griff des Skeletts zu befreien.
„Legt das wieder hin, Närrin!“, rief Juliane.
Aber es war zu spät. Das Skelett erwachte zum Leben und ein unheilvolles Leuchten kam aus seinen grauenhaften Augenhöhlen. Die Adeptin kreischte und versuchte wegzulaufen, aber das Skelett packte sie beim Handgelenk. Bevor Llaren oder ich reagieren konnten, feuerte Juliane ein Geschoss aus Magicka ab, das den Kiefer des Skeletts zum Klappern brachte und die Adeptin befreite.
Sie ließ das Buch an seinem Platz und zog sich zur anderen Seite des Raumes zurück. „Jüngerin, wir könnten ein Portal gebrauchen“, sagte Juliane zu mir.
„Aber was ist mit den Büchern? Wir sind so weit gekommen!“, erwiderte ich.
„Die spielen keine Rolle. Ich möchte, dass meine Adepten hier rauskommen, unversehrt.“ Julianes Augen blitzten auf, als sie ein weiteres magisches Geschoss auf das Skelett schleuderte, das gerade einen Feuerball zwischen seinen knochigen Fingern beschwor.
Das musste ich respektieren. Das Portal zu erschaffen fiel mir nicht schwer. Die Adepten zogen sich zurück; einige von ihnen hielten Folianten umklammert, die sie sich auf dem Weg hinaus greifen konnten. Schließlich waren es nur noch Llaren, Juliane und ich.
„Gehen wir“, sagte Llaren. Aber Juliane zögerte. Sie hasste offensichtlich die Vorstellung, mit leeren Händen zu gehen. Und so ging es mir auch.
„Wartet“, sagte Juliane. Sie blickte zu mir.
„Was macht Ihr denn?“, rief Llaren, während er einem nahenden Feuerball auswich.
„Geht einfach!“, sagte ich zu ihm. Ich sah, dass Llaren einen Einwand erheben wollte, aber nachdem wir jahrelang Seite an Seite gekämpft hatten, gab es ein Vertrauen zwischen uns, das nur schwer zu brechen war. Trotz seiner Vorbehalte tat er, wie ihm geheißen und sprang in das Portal, ohne zurückzuschauen.
Julianes beschwor bereits einen Zauber, ihr Gesicht vor Konzentration wie eine Maske. „Seid Ihr bereit?“, fragte sie.
Ich nickte.
Ohne ein weiteres Wort schleuderte Juliane dem Skelett einen gewaltigen Energiestoß entgegen, der es rückwärts von den Beinen holte. Während sie das tat, sprang ich nach vorne und lief den letzten Meter zum Schreibtisch, wo ich mir den uralten Folianten griff, bevor das Skelett sein Gleichgewicht zurückerlangen konnte. Juliane verschwand bereits durch das Portal, als ich mich umdrehte, und ich schleuderte das Buch hinein, bevor ich selbst hindurchhechtete und das Portal schloss.
Ich kehrte ein wenig angesengt zurück, aber ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein derart breites Grinsen im Gesicht hatte. Es muss ansteckend gewesen sein, denn sogar Juliane brach bei meinem Anblick in Gelächter aus. Vielleicht ist es ja doch nicht so übel, mit ihr zusammenzuarbeiten!